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(Diese Andacht schrieb Pfarrer Friedrich Heidelbach, Homberg)

Andacht für Zuhause - 25.Oktober 2020

EINSTIMMUNG
Zur Ruhe kommen, vielleicht eine Kerze anzünden, ein Musikstück hören, einen Liedvers summen oder singen…

ERÖFFNUNG mit GEBET
Gott im Himmel, hier bin ich und feiere Andacht. Ich bitte Dich, begegne mir in dem, was mich bewegt. Tröste mich, wenn ich traurig bin. Schenke mir Mut, wenn ich mutlos bin. Richte mich aus, wenn ich nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Danke für alles, was in meinem Leben gut ist. So segne mich mit deinem Wort! Amen.

LIED 445,1+4 Gott des Himmels und der Erden…
1) Gott des Himmels und der Erden, Vater, Sohn und Heilger Geist, der es Tag und Nacht lässt werden, Sonn und Mond uns scheinen heißt, dessen starke Hand die Welt und was drinnen ist, erhält.
4) Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort; sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort. Nirgends als bei dir allein kann ich recht bewahret sein.

PSALM 146/EG 757
Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.
Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. Denn des Menschen Geist muss davon, / und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne. Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei. Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten. Der HERR behütet die Fremdlinge / und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.  Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

EHR sei dem Vater…

LESUNG Markus 2,23-28
An einem Sabbat ging Jesus mit seinen Jüngern durch die Getreidefelder. Unterwegs fingen die Jünger an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen. Da beschwerten sich die Pharisäer bei Jesus: »Sieh dir das an! Was sie tun, ist am Sabbat doch gar nicht erlaubt!« Aber Jesus antwortete ihnen: »Habt ihr denn nie gelesen, was König David tat, als er und seine Männer in Not geraten waren und Hunger hatten? Damals – zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar – ging er in das Haus Gottes. Er aß mit seinen Männern von dem Brot, das Gott geweiht war und das nur die Priester essen durften.« Und Jesus fügte hinzu: »Der Sabbat wurde doch für den Menschen geschaffen und nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat und kann somit entscheiden, was am Sabbat erlaubt ist.«

LIED 295,1+3 Wohl denen, die da wandeln…
1) Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit, nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen Gott
und seine Zeugniss' halten, sind stets bei ihm in Gnad.
3) Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd. Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

PREDIGT zu Mk 2,23-28
Jede Gemeinschaft braucht Regeln. Überlegen Sie einmal kurz, welche Regeln bei Ihnen zu Hause gelten…

Vielleicht ist eine Regel, die Schuhe auszuziehen, wenn man die Wohnung betritt, um Schmutz draußen zu lassen. Man löscht das Licht, wenn man einen Raum verlässt, um Strom zu sparen. Bei uns zu Hause gilt die Regel, seine Musik so laut oder leise einzustellen, dass man den anderen damit nicht stört. Miteinander versuchen wir nach dem Müll und einer leeren Spülmaschine zu schauen, Getränke aus dem Keller zu holen, wenn der Korb leer ist.

Jede Gemeinschaft braucht Regeln, die das Zusammenleben der in diesem Zusammenhang miteinander verbundenen Menschen ordnen und bewahren. Ohne ein festgeschriebenes Regelwerk wären kein Fußballspiel, keine einheitliche Rechtschreibung und kein sicheres Überschreiten einer Straße möglich.

Auch eine Gesellschaft braucht Regeln und Gesetze: ein Grundgesetz, ein öffentliches und ein privates Recht, ein Familien-, ein Arbeits- und ein Scheidungsrecht. Diese Rechte in unserem Land sollen Menschen schützen, indem klare Verhältnisse geschaffen werden. Jede und jeder soll wissen, woran er und sie ist.

Auch im Zusammenhang der Religion gibt es Gesetze, Pflichten und Regeln. Zuerst werden uns vielleicht die 10 Gebote in den Sinn kommen, die, ähnlich wie das Grundgesetz, Grundrechte der Gemeinschaft und der Einzelnen regeln.

Allerdings wird nicht nur das Gemeinschaftsrecht, sondern auch die Gottesbeziehung ist in den Rechtskatalog aufgenommen: Als Christin oder als Christ sind wir an Grundregeln gewiesen, die das Zusammenleben und die Beziehung zu Gott klären. So wird ein religiöses Multitasking im 1. Gebot ausgeschlossen, die gegenseitige Verantwortung für eine Ehegemeinschaft im 6. Gebot festgeschrieben oder der Schutz des Eigentums im 7. Gebot reguliert. Dass der Feiertag zu heiligen ist, also der Sabbat oder der Sonntag als Gegenüber zum Arbeitstag eine wichtige Funktion haben soll, wird erklärt.

Jede Gemeinschaft braucht Regeln, da gibt es kein Vertun. Gäbe es keine Regeln, würde das Chaos herrschen, wäre Leben miteinander nicht möglich.

In der Bibel wird folgende Geschichte erzählt.
Quer durch ein Kornfeld führt ein schmaler Trampelpfad. Jesus und seine Jünger benutzen ihn, wie andere es vor ihnen getan haben und nach ihnen tun werden. Die Frucht ist reif und die Jünger haben Hunger. So reiben sie sich auf dem Weg durch das Feld Körner aus den Ähren, um damit ihren Hunger zu stillen. Was sie tun ist nicht ungewöhnlich, und niemand hätte sich daran gestört, wenn es eben nicht gerade an einem Sabbat geschehen wäre. Während sich die Jünger nichts dabei denken und Jesus offenbar auch nicht, sehen einige Pharisäer in dem Verhalten der Jünger einen Verstoß gegen das Sabbatgebot, das jegliche Arbeit verbot.

Jesus antwortet ihnen mit einer Geschichte, die von jungem David berichtet, als er einmal mit seinen Leuten auf der Flucht vor dem König Saul war. Er bekam von dem Hohenpriester fünf Schaubrote, die außer dem Priester eigentlich niemand essen durfte. Er bekam sie, weil er und seine Leute Hunger hatten und weil nichts anderes zu Essen greifbar war. Es gibt eben Situationen, so Jesus, die erlauben oder erzwingen sogar die Ausnahme von der Regel. Und im Übrigen, so fügt Jesus hinzu, ist der Sabbat um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbat willen. Der Sabbat ist zum Nutzen des Menschen da und nicht umgekehrt.

Soweit die Bibel. Sie können die Geschichte im Markusevangelium nachlesen, Kapitel 2.

Jede Gemeinschaft braucht Regeln. Gäbe es keine Regeln, würde das Chaos herrschen, wäre Leben miteinander nicht möglich.

Und doch scheint es Ausnahmen zu geben. Jesus zumindest stellt im Blick auf das Sabbatgebot Fragen: Warum soll der, der hungrig ist, am Sabbat nicht ernten und essen dürfen? Essen und Trinken sind lebensnotwendig, keine Regel soll das verbieten können.

Das heißt doch: In dieser konkreten Situation ist der Mensch wichtiger als die Regeln, die dazu aufgestellt sind. Jesus widerspricht hier der Schrankenlosigkeit des Gesetzes und weist es in seine Schranken. Jesus macht deutlich, dass, wenn die Gesetze und Regeln über den Menschen stehen, sie eher schaden und sie nicht dem Leben dienen.

Kann man es so sagen? Regeln in der Umsetzung ohne die Auslegung der Liebe können menschen- und lebensverachtend sein.

Was kann das konkret heißen?
Wir alle sehen immer wieder erschreckenden Bildern von Flüchtlingen in den Mittelmeerländern. Menschen flüchten, oft abgezockt von Schleuserbanden, auf überfüllten Schiffen übers Mittelmeer nach Europa. Es gilt die Regel: Da, wo man zuerst in Europa ankommt, wird der Asylantrag gestellt.
Das funktioniert aber nicht. Menschen wollen weiter. Die Erstländer sind mit der Menge überfordert. Große Not hat das zur Folge. Für mich ein schlimmes Beispiel, wo der Satz >Regeln in der Umsetzung ohne die Auslegung der Liebe können menschen- und lebensverachtend sein.< zutrifft. Veränderungen, gemeinsame Lösungen wären in meinen Augen nötig. Allen zum Nutzen!

Mir kommen Menschen in den Sinn, die, obwohl sie eine Arbeit haben, davon nicht leben können, weil sie so schlecht bezahlt werden, dass das Geld eben gar nicht reichen kann. Alles gesetzlich korrekt, und trotzdem werden ich das Gefühl nicht los, das hier etwas nicht stimmt und Veränderungen nötig wären.

In meinen Augen ist es wichtig, dass Kinder auch eine Ahnung davon bekommen, dass es sinnig ist, sich an Absprachen und Vereinbarungen zu halten. Und doch ist es genau so wichtig, dass sie die Erfahrung machen, dass sie über Regeln hinweg auch weiter geliebt sind und ihren Platz bei den Menschen haben, zu denen sie gehören, auch nach Nichteinhaltungen von Regeln.

Regeln, Gesetze sind wichtig – keine Frage. Sie helfen zum Leben. Sie ermöglichen das Leben. Aber sie dürfen das Leben nicht behindern und zerstören und höher als die Menschen stehen, so lese ich aus der Antwort Jesu.

In der jeweiligen Situation muss entschieden werden. Es macht Sinn, Corona-Regeln einzuhalten, auch wenn das mühsam ist.
Es macht Sinn, nur bei grün über die Ampel zu fahren und nicht bei rot. Das schützt das Leben!

Regeln und Gesetze sind wichtig – keine Frage. Aber es gilt auch, genau hinzusehen… Davon erzählt auch die folgende Geschichte:
Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er seines unruhigen Lebens müde war. Da gab er alles, was er hatte weg und trat in ein  Kloster ein. Aber weil er sein bisheriges Leben immer nur mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste nicht, wie man ein Gebet sprechen oder einen Psalm singen konnte.
So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie alle anderen beteten, aus frommen Büchern las und mit im Chor sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts.
„Was tu ich hier?“, sprach er zu sich, „ich kann nicht beten und kann keine guten Worte sprechen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete.“
In seiner Trauer flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Gebet rief, in eine abgelegene Kapelle. „Wenn ich schon nicht mitbeten kann in der Versammlung der Mönche“, sagte er vor sich hin, „so will ich doch tun, was ich kann.“
Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Kleid, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während von der Kirche die Gesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauerte, er tanzte ununterbrochen, bis er außer Atem war und sein Körper ihm nicht mehr gehorchte.
Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mit angesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen gestraft werden.
Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Herr, dass ich nicht länger bleiben kann. So will ich freiwillig aus dem Klosterleben ausscheiden und wieder auf der Straße leben.“
Doch der Abt neigte sich vor ihm und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: „Mit deinem Tanz hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge Gott alle frommen Worte verzeihen, die uns über die Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie gesendet hat.“

Eine schöne Geschichte, oder?
Eine schöne Geschichte, weil sie davon erzählt, dass Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Achtung vor dem Nächsten mehr zählen können als Regeln und Gesetze.
Eine schöne Geschichte, weil sie von Hoffnung erzählt.
Eine schöne Geschichte, weil sie daran erinnert, dass das Leben gelingen kann. Mit dieser Erfahrung segne uns Gott. Amen. 

LIED EG 325,1-2 Sollt ich meinem Gott nicht singen…
1) Soll ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er's mit mir mein´. Ist doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.
2) Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt, also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt, alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

FÜRBITTGEBET
Wir danken dir, Gott, für das Leben, das du uns täglich neu anvertraust. Dass es einst zu dir zurückkehrt, können wir nicht so leicht begreifen. Lass uns bis dahin unser Leben in der Zeit gestalten. Wenn es dann einmal so weit sein sollte, dann begegne du uns als unser treuer und liebender Gott, der uns nah ist und über die letzte Schwelle hebt.

Wir leben in dieser Welt der vielen verschiedenen Tode – Nachrichten von Krieg und Hungerkatastrophen kommen täglich an unser Ohr. Wir spüren unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit. Lass uns nicht versinken im Strudel der Ereignisse, hilf uns, dass wir uns nicht hinter Gesetzen du Paragraphen verstecken. Hilf uns zum aufrechten Gang. Hilf uns zu einem Leben in Nächstenliebe. Lass uns anderen menschenwürdig begegnen. Mehre in uns den Willen zum Frieden und zur Gerechtigkeit.

Wir bitten für die vielen Menschen in den Hungergebieten unserer Welt. Beeinflusse das Fühlen und Denken der Mächtigen, dass sie Hilfe zulassen und lass unter uns den Willen zur Hilfe erstarken.

Deine Welt hat Nahrung für alle Menschen. Lenke du unseren Blick zu den Menschen auf der Schattenseite und befreie uns von der Ausrede: Da kann man halt nichts ändern.

Was uns bewegt, wofür wir danken, was wir beklagen – das lasst uns Gott sagen, indem wir mit Jesu Worten gemeinsam beten:

VATER UNSER

SEGEN
So segne und behüte uns alle unser Gott, der Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.