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Die Andacht schrieb Pfarrerin Gudrun Ostheim aus Sipperhausen

Andacht für zu Hause zum 2. Sonntag im Advent,  05.12.2021

 

Nun wechselt die Welt ihr Kleid.
Sie will das grobgewebte Gewand
aus nebelfahlen Tagen
nicht länger tragen.
Stattdessen nimmt sie
sanften Samt aus dem Schrank
und bestickt ihn mit Sternen.
Nun kommt die Welt
Im Lichtkleid daher
Und summt beharrlich

Von Hoffnung:
Nun beginnt eine neue,
heilige Zeit.
Ein Funkeln
Über dem Alltag
Bist du bereit?

(Tina Willms, Am Wegrand)

Nein, ich bin nicht bereit. Ich bin noch nicht soweit.
Ich habe noch so vieles vor und so viel Unerledigtes liegen.
Ich möchte gern erlöst werden aus den vielen Aufgaben und Verpflichtungen,
aus den vielen Unsicherheiten dieser Tage und ihren Ängsten.
Und das, was mir jemand im Vertrauen erzählt von den Beschwernissen des eigenen Lebens, das lässt mich in der Nacht nicht gut schlafen. 

Da höre ich, was der Wochenspruch zum 2.Advent uns sagt :
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“(Lukas 21,28)

So erhebe ich meinen Kopf und schaue nach vorne auf das Licht am Kranz und den Stern über dem Altar.
Feiere Gottesdienst mit meiner Klage und mit meinen Ängsten, mit meinem Mut und meiner Zuversicht.
Und höre, wie der Prophet Jesaja, Gott als den Erlöser anfleht:

„So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!

Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.

Du, HERR, bist unser Vater;
»Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?
Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn
harren.“ (Jesaja 63,15-19 und 64,1-3)

Jene Worte nimmt der Liederdichter Friedrich Spee in seinem alten und  immer noch schönem Adventslied auf:
„O Heiland reiss die Himmel auf“

LIED EG 7  O Heiland, reiß die Himmel auf

1. O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

2. O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.Ihr Wolken,
brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Ach , dass du den Himmel zerrissest- Das wünscht man sich an trüben und kalten, verregneten und nassen Dezembertagen.
Der Himmel möge auf reißen, das Licht den Tag erhellen, der stürmische Wind sich legen und so manches, was im Advent von uns zu erledigen ist, weniger werden.

Die Unsicherheit dieser Tage möge weichen, die Zahlen mögen sinken und die Menschen aufatmen.

Als Friedrich Spee sein Adventslied schrieb, waren die Zeiten auch keine Guten.

In unserem Land wütete der 30-jährige Krieg und die Menschen hatten wirkliche Not, wie sie den Winter überleben konnten in Stadt und Land. Es ging nicht um Befindlichkeiten und die Frage, ob man in Bars oder Fußballstadien gehen darf, es ging ums Überleben. Von daher haben wohl jene Adventslieder in unserem Gesangbuch, die in jener Zeit entstanden, einen eher ernsten Charakter und klingen nicht ganz so süßlich, mild und fröhlich wie die Weihnachtsbäckerei. Wobei dieses Lied von Rolf Zuckowski der Beliebtheitsrenner unter Kindern sein und beiben darf.

Wo bleibst du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt, fragt Friedrich Spee gemeinsam mit dem Propheten Jesaja, der Jahrtausende vorher ruft und klagt:  „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen“

Komm herab, zeig deine Macht, beweg dich, greif ein, schaffe Recht und kümmere dich darum, dass Menschen geholfen wird und sie getröstet werden. Handle wie ein barmherziger Vater seinen Kindern gegenüber. Hab Erbarmen und zeige deine Barmherzigkeit.

Der Prophet nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Not im Volk muss groß sein, wenn die, die für Gott einstehen, so klare Worte finden . Wenn jemand derart um Erlösung fleht.

Ob das damals so war, dass sich die Menschen Hilfe vom Himmel erhofften?

Oder waren es nur Propheten und Liederdichter, die so redeten?

Erheben wir heute noch unsere Häupter und erwarten Heil und Hilfe, Erlösung und Veränderung durch Gott?

Sind es heute die Mediziner und Forscher, die Chemiker und Virologen, die mahnend uns anflehen, zu tun, was Not tut?

Die Kirchen sind nicht voller als vor Corona, im Gegenteil.

Aber vielleicht beten Menschen zu Hause umso inniger um ein Ende der Not. Oder verwenden alle ihre Kraft und mehr als das, um dem Leben zu dienen und das Leben zu retten.  Auch das ist Gottesdienst und auch in dieser Weise bringen Menschen ihr Flehen vor Gott.

Auch im Advent sterben Menschen, manchmal ganz jung und völlig überraschend.

Gerade im Advent tut Verlust und Einsamkeit mehr weh als sonst, auch für die, die im Vergangenen Leid zu tragen hatten und es noch tragen.  Für Angehörige wird dann der Ruf ganz laut: Wo bleibst du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?

Ich staune immer wieder, wie Gott tröstet. Mich und andere. Wie er uns begegnet, wenn Lebensmut und Lebenskraft nicht so stark sind, wie wir uns das wünschen.
Ein Kollege schickt mir am 1.Dezember eine Musikaufnahme am Handy und schreibt dazu : Hier eine Kostprobe von unserem Chor für den gemeinsamen Film, den wir planen.    Ich höre und bin ergriffen von den adventlich weihnachtlichen Weisen und der Tag nimmt einen anderen Verlauf als am Vorabend noch befürchtet.

Da kommt jemand in dein Haus und räumt auf, was überall rumliegt. Schafft ein wenig Ordnung und du denkst, ja, jetzt gewinne ich wieder Übersicht im Chaos.
Ich fahre durch eines unserer Dörfer und mein Blick fällt auf die wunderschönen Krippenfiguren aus Holz, die jedermann erinnern, auf was wir im Advent aufs Neue zugehen.

Es gibt so manche Augenblicke, in denen der Himmel aufreißt und sich etwas von weit weg ganz nah in unser Herz hineinlegt. Das ist Advent. Das ist sein Kommen in unsere kleine und große Welt, die immer wieder Erlösung braucht. Damals wie heute.
Ich bin so froh, dass Menschen den Kontakt zum Himmel halten, manchmal auch stellvertretend für mich in den Worten , die sie sagen und in den Liedern, die sie dichten.
In Vergangenheit und Gegenwart.

Sie schenken uns damit die Hoffnung, dass unsere Erlösung naht, dass sie einen Namen hat und sich erflehen lässt.
Wir dürfen das gesenkte Haupt erheben und in die Zukunft schauen.

Immer wieder. Zu allen Zeiten. Amen.
Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen
Einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

LIED EG 7

5. O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

6. Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

7. Da wollen wir all danken dir,
unserm Erlöser, für und für;
da wollen wir all loben dich
zu aller Zeit und ewiglich.

 

GEBET
Guter Gott,
Wir stehen in einer neuen Adventszeit.
Die letzten beiden Jahre haben uns geprägt,
Spuren hinterlassen.
Wir mussten Menschen gehen lassen, Beziehungen
in Entfernungen leben, Selbstverständliches aufgeben.
Mit all diesen ganzen Erinnerungen sind viele persönliche Erwartungen verknüpft.
Bist du der Gott des Lebens?
Erweist du dich als der lebendige Gott?
Wir wagen sie vielleicht in diesen Tagen
nur zaghaft auszusprechen,
die Hoffnung, dass grundlegende Veränderungen
möglich sind und kommen.
Das Kommen deines Sohnes, das ist unser Vertrauen,
das uns trägt, das ansteckt mit Lebenswillen, Mut und einem Herzen, das für dich brennt.
So wollen wir aufbrechen, die Türen aufmachen,
damit du kommst.

Amen.

LIED EG 1

3. O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott,
mein Tröster früh und spat.

SEGEN

Kurz sind jetzt die Tage
und das Dunkel so lang
Verheißung aber wächst uns entgegen
hoffnungsrün
Gottes Fingerzeig
ist nicht mehr weit
Bald strahlt im Kerzenschein
wieder die Krippe
Und wir knien davor
das Herz geöffnet
Und die Hände bereit
Segen zu empfangen.

So segne und behüte dich Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.