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MIt der Andacht grüßt Pfarrerin Gudrun Ostheim aus Sipperhausen:

 

Andacht für Zuhause am 17. und 24. Oktober 2021

Manchmal ist es ganz leicht, meinen Weg zu finden.
Links, rechts, geradeaus.
Ich folge der Stimme in meinem Herzen und ahne: Ihr Ziel ist immer die Liebe.

„Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert; nämlich Gottes Wort halten und Liebe Üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)
Unter diesem Bibelvers steht die neue Woche, die mit dem heutigen Sonntag, dem 20. Sonntag nach Trinitatis, beginnt.

LIED EG 295 Wohl denen, die da wandeln
1. Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit,
nach seinem Worte handeln und leben allezeit;
die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugniss’ halten, sind stets bei ihm in Gnad.

2. Von Herzensgrund ich spreche: dir sei Dank allezeit,
weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit.
Die Gnad auch ferner mir gewähr; ich will dein Rechte halten, verlass mich nimmermehr.

4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich,
so weit der Himmel gehet, der stets beweget sich;
dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden, durch deine Hand bereit’.

 

PSALM 119
Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende. Unterweise mich, dass ich bewahre dein Gesetz und es halte von ganzem Herzen. Führe mich auf dem Steig deiner Gebote; denn ich habe Gefallen daran. Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zur Habsucht. Wende meine Augen ab, dass sie nicht sehen nach unnützer Lehre, und erquicke mich auf deinem Wege. Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende. 

GEBET
Gott,
du hast uns gesagt, was gut ist für unser Leben:
Dein Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor Dir.
Gib uns Kraft und Klugheit, Deiner Weisung zu folgen
und lass uns die Freiheit erfahren, die darin steckt. Amen.

Schön ist die Jugend …..
Man erzählt, früher habe man am Abend der Verlobung oder am Abend vor der Hochzeit den Brautleuten draußen im Hof gesungen:
„Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.“
Dieser Brauch muss mehr als 60 Jahre alt sein.
Vielleicht erinnert sich mancher Ältere noch.
Jüngere können oft nicht mal mehr den Text des Liedes kennen.
Verlobungen in diesem Stil gibt es schon lange nicht mehr.
Verlobungen nennt man heute Anträge: der junge Mann macht der jungen Frau in trauter Zweisamkeit den Antrag, sie heiraten zu wollen. Das Bild mit dem neuen Ring am Finger schickt man dann übers Handy in alle Welt, zumindest den Freunden, den Eltern, den Geschwistern.

Und vor der Hochzeit singt keine Dorfjugend mehr am Haus, sondern man feiert Polterabend.
Die Musik macht ein DJ und sie kommt vom Band.
Trauen wir uns und schauen uns das alte Volkslied einmal an:

1. Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.
Bald wirst du müde durchs Leben schreiten, um dich wird's einsam sein, im Herzen leer.
Drum sag ich's noch einmal, schön ist die Jugendzeit, schön ist die Jugend, sie kommt nie mehr.
Sie kommt, sie kommt nie mehr, kehrt niemals wieder her, schön ist die Jugend, sie kommt nie mehr.

2. Es blühen Blumen auf Flur und Halde, sie welken alle im Jahreslauf.
Und so das Menschenherz verwelket balde und blüht zum zweiten Mal nicht wieder auf.
Drum sag ich's noch einmal...

3. Es blüht der Weinstock, trägt schwere Reben, und aus den Reben fließt süßer Wein.
Wir woll'n die Jugend froh mit ihm durchleben, er bringt uns Glück und Sonnenschein.
Drum sag ich's noch einmal...

4. Vergang'ne Zeiten kehr'n niemals wieder, verschwunden ist dein junges Blut.
Drum freut des Lebens euch, singt frohe Lieder, solang' die Jugend im Herzen loht.

Drum sag ich's noch einmal...


Klingt das nicht wie Worte aus dem Buch des Predigers, die heute in Auszügen Predigttext zum Sonntag sind?
Süß ist das Licht. Sehen, wie die Sonne scheint, ist eine Augenweide. Ist dir ein langes Leben beschieden, genieße es in vollen Zügen, wisse, dass noch genug finstere Tage folgen werden, und danach alles verfliegt.
Genieße daher, bester Freund, noch jung an Jahren, wärme dich im Frühling deines Lebens. Geh, wohin dein Herz dich zieht, geh, wohin dich diene Augen führen.
Doch bedenke stets: Gott fordert Rechenschaft für alles.
Banne den Kummer aus deinem Herzen, lass die Traurigkeit dich nicht lähmen, denn deine Jugend, deine jungen Jahre, sind vorbei, ehe du es weißt.
Gedenke deinem Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, ehe die schlechten folgen werden, die Jahre, da du sprichst:
Ich will nicht mehr. Nur allzu schnell verdunkelt sich die Sonne, verdunkelt sich das Licht von Mond und Sternen, und auch nachdem der Regen gefallen ist, bleibt es bewölkt.

Das Alter kommt mit Gebrechen,der Körper gleicht einem Wrack: Die Wächter erheben - die Arme werden kraftlos – starke Männer gehen gekrümmt - die Beine machen nicht mehr mit – die Müllerinnen hören mit dem Mahlen auf, weil nur noch wenige übrig sind- im Mund sind keine Zähne mehr – die Frauen am Fenster können kaum mehr sehen - die Augen sind schwach geworden – die doppelten Türen zur Straße fallen ins Schloss - die Ohren hören nur noch schlecht – der Klang der Mühle verstummt - die Stimme wird dünn.

Wer an Tagen alt ist,dem ist jeder Hügel unüberwindbar, und der Weg ist voller Gefahren. Der Mandelbaum blüht- die Haare sind weiß geworden – die Heuschrecke schleppt sich dahin  - mühselig wird die Liebe – die Blüte der Kaper tut keine Dienste mehr - die Lust lässt sich nicht mehr entfachen.
So ist der Mensch, der auf dem Weg in sein ewiges Haus ist: das Grab. Die Klagefrauen nahen bereits, um ihren Klagegesang anzustimmen. Das Wasser des Lebens lässt sich nicht mehr schöpfen, der silberne Strick ist zerrissen  -die Lebenslinie ist unterbrochen – oder die goldene Schale ist zerschellt, oder der Krug beim Brunnen zersplittert, oder das Schöpfrad am Brunnen ist zerbrochen. Der Staub kehrt zur Erde zurück, wird wieder zu dem, was er einst war. Der Lebensatem kehrt zu Gott zurück, der einst den Lebensatem gab. Wie der Mensch geschaffen ist, zerfällt er wieder nach dem Tod. (Prediger Salomo 11,… nach Nico ter Linden)

Schreibt da einer, der das Leben kennt?
Das Leben ist flüchtig wie ein Atemzug.
Es ist vergänglich. Es endet im Grab.
Das alles klingt so ganz anders, wie die Hoffnung des Neuen Testaments. Beschreibt aber in vielem sehr ehrlich, klar und nüchtern, wie Menschen Leben empfinden.

Passen seine Gedanken und Äußerungen zu dem, was sonst in der Bibel steht? Ob man seine Gedanken in den Kanon der Bibel aufnehmen sollte, darüber wurde lange gestritten. Natürlich hat jedes Lebensalter seinen Charme und Jugend ist nicht nur schön. Aber im Großen und Ganzen treffen die Worte des Predigers die Lebenswirklichkeit.
„Altwerden ist nichts für Feiglinge,“ hat Joachim Fuchsberger gesagt. Und wer alt geworden ist oder mit alten Menschen umzugehen hat, kann das nur bestätigen. Den Worten des Predigers eine andere Wahrheit entgegen zu setzen, fällt mir schwer. Als Christen tragen wir natürlich die Hoffnung auf Auferstehung in uns und glaube daran, dass alles Leben aufgehoben ist bei Gott und bei ihm sein Ziel hat.
Aber dennoch haben die Worte des Predigers Gewicht: unser Leben ist flüchtig wie ein Atemzug und alles Aufheben auf irgendwann kennt auch ein zu spät. Manches gilt es im Augenblick zu leben.
Was uns eine Brücke sein könnte zwischen dem Buch des Predigers, das die Jugend verklärt und die Ängste um Vergänglichkeit benennt und unserer christlichen Auferstehungshoffnung, ist das Stufengedicht von Herrmann Hesse.
Hesse verbindet das Denken des Predigers mit der christlichen Hoffnung, die über den Tod hinaus geht und die Erfüllung nicht ausschließlich im Hier- und Jetzt sucht:

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Viel Literatur für einen Sonntag – Literatur, die auch Raum gibt für eigene Gedanken.
Carpe diem – ergreife den Tag – und nutze ihn!
Nimm jeden Tag hin, so wie er ist und sei dankbar.

GEBET
Dass du mir die Augen öffnest, darum bitte ich an diesem Morgen, Gott.
Ich will erfahren, wie es ist, nicht atemlos gegen den Wind zu rennen, sondern in deinem Atem zu leben.
Ich will sehen: im Alltag das Wunder, im Gesetz deine gute Ordnung, über dem Ende von allem deine Ewigkeit, im Klein meines Lebens deine Größe, Barmherzigkeit und Macht.
Ich will deine Welt in meiner Welt erleben, Herr. Höre mich und erbarme dich meiner kleinen Welt, um meines Herrn und Bruders Jesu Christi willen,

SEGEN
So segne dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.